{"id":289,"date":"2015-11-02T21:39:01","date_gmt":"2015-11-02T20:39:01","guid":{"rendered":"http:\/\/imic.ba\/portal\/?p=289"},"modified":"2018-08-17T20:56:31","modified_gmt":"2018-08-17T18:56:31","slug":"beihilfe-zum-interreligiosen-dialog-in-bosnien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/imic.ba\/portal\/beihilfe-zum-interreligiosen-dialog-in-bosnien\/","title":{"rendered":"Beihilfe zum interreligi\u00f6sen Dialog in Bosnien"},"content":{"rendered":"<p>Dabei kam es zu grausamen kriegerischen Auseinandersetzun\u00adgen, vor allem zwischen katholischen Kroaten und orthodoxen Serben \u2014 mit \u201eethnischen S\u00e4uberungen\u201d in Gebieten, in denen Menschen unterschiedlicher Ethnie und Konfession vorher miteinander gelebt hatten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst schien es, dass Bosnien-Herzegowina von diesem Krieg verschont blieb. Hier hatten die Volksgruppen \u2014 Kroaten, Serben, muslimische Bosnia\u00adken und Juden \u2014 schon seit mehr als f\u00fcnf Jahrhunderten auf kleinem Raum zu\u00adsammengelebt, und hier vor allem sollte ein neues \u201ejugoslawisches\u201d Bewusst\u00adsein die Unterschiede vergessen machen. Das hatte zu einer gro\u00dfen Zahl von Mischehen gef\u00fchrt. Wider Erwarten kam es jedoch gerade in Bosnien zu be\u00adsonders schlimmen kriegerischen Ereignissen, ausgel\u00f6st durch wenige gezielte Sch\u00fcsse auf eine Friedensdemonstration in Sarajevo am Sonntag, dem 5. April 1992 (an dem Tag, an dem bei uns in Bayern die 3. \u00d6kumenische Versammlung f\u00fcr Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Sch\u00f6pfung zu Ende ging). Be\u00adsonders konfessions- und religionsverschiedene Familien gerieten in Bosnien in Bedr\u00e4ngnis. Man warf ihnen von beiden jeweils betroffenen Seiten Verrat an ihrer Ethnie, an ihrer Religion vor. So war ihre Zahl besonders gro\u00df unter den bosnischen Fl\u00fcchtlingen, von denen es w\u00e4hrend des Krieges 70000 allein in Bayern (400000 in der gesamten Bundesrepublik) gab. Der bosnische Franzis\u00adkaner P. Marko Or\u0161oli\u0107 und der serbische orthodoxe Pfarrer Slobodan Milu\u00adnovi\u0107, M\u00fcnchen, waren wie Zwillinge in ihrem Bem\u00fchen, diesen Menschen behilflich zu sein \u2014 nicht nur materiell und b\u00fcrokratisch (das taten auch ande\u00adre), sondern vor allem seelsorgerlich, und sie baten die AcK i. B. um Unterst\u00fct\u00adzung. P. Marko hatte schon im Dezember 1991 in Sarajevo ein multireligi\u00f6ses und interkulturelles Zentrum zur F\u00f6rderung des Dialogs mit Namen \u201eZajed\u00adno\u201d (= \u201egemeinsam\u201d) gegr\u00fcndet.<\/p>\n<h4><em>1. Begleitung der bosnischen Kriegsfl\u00fcchtlinge<\/em><\/h4>\n<p>Der damalige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der AcK i. B., Pfarrer Dr. Wieland Zademach, griff die Bitte von P. Marko und Vater Slobodan um Unterst\u00fctzung auf und setzte sich pers\u00f6nlich daf\u00fcr ein, dass sich die AcK i. B. der geistig\/geistlichen Begleitung der bosnischen Fl\u00fcchtlinge in Bayern annehme. Daf\u00fcr wurde eine eigene Projektgruppe der AcK i. B. gegr\u00fcndet. Mit diesem Projekt war nun aber auch eine Thematik aufgegriffen, die einer eigenen Reflexion bedurfte: der interreligi\u00f6se Dialog, der durch die zunehmende Anzahl von Muslimen in unserem Land sowieso auf der Tagesordnung stand, selbst freilich nicht zu den Aufgaben der ACK geh\u00f6rt. Wohl aber geh\u00f6rt es zu den Aufgaben der ACK, unter den verschiedenen christlichen Kirchen eine interkonfessionelle Verst\u00e4ndigung \u00fcber die M\u00f6glichkeiten und Grenzen eines verantwortlichen interreligi\u00f6sen Dialogs herbeizuf\u00fchren, d. h. eines Dialogs gl\u00e4ubiger Christen und Christinnen mit Gl\u00e4ubigen anderer, nicht-christlicher Religionen. Es wurde ein Sachausschuss eingesetzt, dessen Aufgabe es war, dazu ein Impuls\u00adheft zu erstellen. Dieses konnte im Juli 1994 unter dem Titel \u201eEinander be\u00adgegnen in Kultur und Religion\u201d ver\u00f6ffentlicht werden. Vom\u00a0<strong>2<\/strong>. bis zum\u00a0<strong>4<\/strong><strong>.<\/strong>\u00a0Juli 1993 hielten wir in Plankstetten eine mit kompetenten Referenten besetzte und gut besuchte Konsultation \u00fcber \u201eKonfessionelle und nationale Konflikte in Europa\u201d. F\u00fcr den 22. Juli 1995 organisierten wir im Gemeindezentrum der serbischen orthodoxen Kirche in M\u00fcnchen einen Erfahrungsaustausch zwi\u00adschen solchen, die mit der Hilfe f\u00fcr bosnische Fl\u00fcchtlinge befasst waren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_294\" aria-describedby=\"caption-attachment-294\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-294 size-full\" src=\"http:\/\/imic.ba\/portal\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/voss-1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"188\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-294\" class=\"wp-caption-text\">Konsultation in Plankstetten 1993; v. 1. n. r.: P. Dr. Marko Or\u0161oli\u0107, Prof. Dr. Heinz-G\u00fcnther Stobbe, Dr. Wieland Zademach.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am 4<strong>.<\/strong>\u00a0Februar 1994 wurde mit Hilfe der AcK i. B. in M\u00fcnchen ein multireligi-\u00f6ses und interkulturelles Zentrum Zajedno zur geistig\/geistlichen Begleitung von Kriegsfl\u00fcchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien gegr\u00fcndet. Das war m\u00f6glich geworden, weil die evangelische StudentInnengemeinde und auch das katholische internationale Missionswerk Missio R\u00e4ume zur Verf\u00fcgung stellten und die Di\u00f6zese Regensburg einen Teil der laufenden Kosten trug. Verant\u00adwortlich waren von kroatischer katholischer Seite P. Dr. Marko Or\u0161oli\u0107, von serbischer orthodoxer Seite Pfarrer Slobodan Milunovi\u0107, von muslimischer Seite Mufti \u0160evko Omerba\u0161i\u0107, der Pr\u00e4sident des Meschichats f\u00fcr Kroatien und Slowenien, von j\u00fcdischer Seite Jasminka Doma\u0161 von der j\u00fcdischen Gemeinde Zagreb und f\u00fcr die deutsche christliche Seite Studentenpfarrer Dr. Hermann Probst. Bei der Er\u00f6ffnung von Zajedno in M\u00fcnchen waren 120 Fl\u00fcchtlinge an\u00adwesend; 45 % davon waren Muslime. Zweimal im Monat bot Zajedno in der Folgezeit Begegnungsabende mit einer besonderen religi\u00f6sen oder kulturellen Thematik an. Mehrmals fanden in Niederaltaich Wochenenden der Begeg\u00adnung statt.<\/p>\n<p><em>\u201eUnser Gott, der Gott der Juden und der Christen, ist ein und derselbe. Im Heiligen Koran\u00a0<\/em><em>steht in diesem Sinne: ,Sagt: Wir glauben an Gott und an das, was als Offenbarung zu uns, und was zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den St\u00e4mmen Israels herabgesandt worden\u00a0<\/em><em>ist, und was Moses und Jesus und die Propheten von ihrem Herrn erhalten haben, ohne dass wir bei einem von ihnen den anderen gegen\u00fcber einen Unterschied machen. Ihm sind wir\u00a0<\/em><em>ergeben\u2019 (Sure 2,136). Unser Gott ist Einer, wie der Koran sagt. Also sind wir verantwort\u00ad<\/em><em>lich f\u00fcreinander und m\u00fcssen solidarisch miteinander sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Bayern sehr dankbar, dass sie das\u00a0<\/em><em>verstanden hat und Anfang 1994 auf den Vorschlag von P Marko Or\u0161oli\u0107 einen Vertrag\u00a0<\/em><em>mit unserem Meschichat und der j\u00fcdischen Gemeinde von Zagreb \u00fcber eine \u201agemeinsame\u00a0<\/em><em>multireligi\u00f6s-spirituelle Begleitung der Fl\u00fcchtlinge und der Heimatvertriebenen aus\u00a0<\/em><em>Bosnien und Herzegowina und Ex-Jugoslawien\u2019 geschlossen hat. Diese Aktivit\u00e4t sollte man\u00a0<\/em><em>in Bosnien-Herzegowina fortsetzen, aber es wird nicht ohne Ihre wertvolle Unterst\u00fctzung\u00a0<\/em><em>gelingen k\u00f6nnen. F\u00fcr uns sind unvergesslich unsere gemeinsamen Gebete in der Moschee in\u00a0<\/em><em>Zagreb im Herbst 1995, wie f\u00fcr mich auch die gemeinsam ausgesprochene Reue und die\u00a0<\/em><em>gemeinsamen Gebete beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg unvergesslich sind.\u201d<\/em><\/p>\n<p>Mufti Seiko Effendi Omerba\u0161i\u0107, Vorsitzender des Meschichats Kroatien, am 25.5.1996 in einem Gru\u00dfwort<\/p>\n<h4><em>2. Interreligi\u00f6ser Dialog in Sarajevo<\/em><\/h4>\n<p>Zajedno hatte in Sarajevo seinen vorl\u00e4ufigen Sitz im Geb\u00e4ude der Akademie der Wissenschaften und K\u00fcnste von Bosnien und Herzegowina gefunden. Hier hielten am 25.\/26. Oktober 1994 die Akademie und Zajedno unter Betei\u00adligung auch der Universit\u00e4t von Sarajevo gemeinsam ein Symposium, um in Sarajevo einen interreligi\u00f6sen und interkulturellen Dialog in Gang zu bringen.<\/p>\n<p>Zu diesem Symposion hatte man auch eine Delegation der bayerischen Za\u00adjedno-Initiative eingeladen, ihre Erfahrungen einzubringen. Als Vorsitzender der AcK i. B. bin ich mitgefahren und hielt ein Referat \u00fcber \u201eDie Arbeitsge-meinschaften christlicher Kirchen als Instrumente des interkonfessionellen und interreligi\u00f6sen Dialogs\u201d. \u00dcber die Arbeit zur Erstellung unseres Impuls\u00adheftes \u201eEinander begegnen in Kultur und Religion\u201d referierte Peter Lorenz von der Religi\u00f6sen Gemeinschaft der Freunde (Qu\u00e4ker). Pfarrer Dr. Hermann Probst sprach \u00fcber \u201eAns\u00e4tze f\u00fcr einen j\u00fcdisch-christlich-islamischen Dialog\u201d. Die bosnischen Mitglieder der Akademie der Wissenschaften und K\u00fcnste be\u00adteiligten sich durch gr\u00f6\u00dfere, zum Teil schriftlich vorbereitete, zum Teil spon\u00adtan an die Referate ankn\u00fcpfende Diskussionsbeitr\u00e4ge.<\/p>\n<figure id=\"attachment_295\" aria-describedby=\"caption-attachment-295\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-295\" src=\"http:\/\/imic.ba\/portal\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/voss-2.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"286\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-295\" class=\"wp-caption-text\">Ankunft der bayerischen Zajedno-Delegation in Sarajevo<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gro\u00dfen Anteil nahmen an dem Symposion die Medien in Sarajevo. Das staat\u00adliche Fernsehen berichtete in den Abendnachrichten. Unmittelbar vorher in\u00adformierte das Fernsehen \u00fcber die Folgen eines Raketeneinschlags und die Dis\u00adkussion innerhalb der UNO, ob die Rakete von serbischer oder von bosnischer Seite abgeschossen worden war. Dass in dieser Sache eigens der franz\u00f6sische Verteidigungsminister anreiste, war wohl der Grund daf\u00fcr, dass sich die R\u00fcck\u00adreise der deutschen Zajedno-Delegation mit einer russischen UN-Transport\u00admaschine um einen Tag verz\u00f6gerte. Vielleicht gab es daf\u00fcr jedoch auch andere oder gar keinen Grund. \u201eMay-be-Airlines\u201d hatten UNO-Soldaten in einer als Wartesaal dienenden Holzbaracke am Flugplatz von Sarajevo an die Wand ge\u00adschrieben \u2014 neben einer bunten Ansammlung irgendwelcher Flug- und Fahr\u00adpl\u00e4ne aus anderen Zeiten und von anderen Orten. Am Durchgang zwischen den Baracken und Sands\u00e4cken prangte ein Stra\u00dfenschild mit der stolzen Auf\u00adschrift \u201eChamps Elysees\u201d. Den Weg von dort bis in die Stadt mussten wir bei der Ankunft in einem gepanzerten Fahrzeug zur\u00fccklegen. So wollten es die Si\u00adcherheitsvorschriften der UNO, die f\u00fcr den Flug auch Schusswesten vor\u00adschrieben. Doch ohne die UNO-Schutztruppe w\u00e4re es gar nicht m\u00f6glich ge\u00adwesen, nach Sarajevo zu kommen, h\u00e4tten sich auch die Menschen dort nicht so geben k\u00f6nnen, als g\u00e4be es den Krieg nicht, zumindest tags\u00fcber auf den Stra\u00ad\u00dfen, wo es nicht unmittelbar ins Gewicht fiel, ob es gerade Strom gab oder Wasser oder nicht, und zwischen Gesch\u00e4ften, in denen es nahezu alles zu kau\u00adfen gab \u2014 f\u00fcr teures Geld in deutscher W\u00e4hrung, die in Sarajevo kaum jemand hatte, gab es doch \u00fcberhaupt kaum so etwas wie geregelte L\u00f6hne.<\/p>\n<p><em>Gewachsene kulturelle Vielfalt und Toleranz?<\/em><\/p>\n<p>Auch der H\u00f6rfunk von Bosnien-Herzegowina und der dortige unabh\u00e4ngige Sender Radio 99 berichteten ausf\u00fchrlich \u00fcber das Symposion und \u00fcber die sonstige Arbeit von Zajedno. Die Tageszeitung \u201eOSLOBODJENJE\u201d brachte am 26. Oktober 1994 ein Interview mit mir unter der bezeichnenden \u00dcber\u00adschrift: \u201eBosanski muslimani su evropski muslimani\u201d \u2014 \u201eBosnische Muslime sind europ\u00e4ische Muslime\u201d. Die Position, f\u00fcr die diese Medien sich einsetz\u00adten, fand ihren Ausdruck in der \u201eDeklaration\u201d einer B\u00fcrgerinitiative, der in\u00adnerhalb von zwei Wochen 140000 Menschen in Sarajevo, also mehr als zwei Drittel aller dort Lebenden, durch ihre Unterschrift zugestimmt hatten. Da\u00adrin hie\u00df es: \u201eWir sind tief \u00fcberzeugt, dass Vielfalt und Toleranz ein unsch\u00e4tz\u00adbares Erbe unserer Vergangenheit und zugleich eine sichere Grundlage f\u00fcr eine friedliche und gl\u00fcckliche Zukunft der B\u00fcrger von Sarajevo und Bosnien-Herzegowina darstellen. Wir fordern die gerechte Bestrafung aller Kriegsver\u00adbrecher und die sichere R\u00fcckkehr aller Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen zu gege\u00adbener Zeit als Voraussetzung f\u00fcr eine Normalisierung des Lebens und die Fortsetzung unserer Tradition der Gemeinsamkeit.\u201d<\/p>\n<p>Die Deklaration sprach von einer gewachsenen kulturellen Vielfalt und To\u00adleranz in Sarajevo und ganz Bosnien-Herzegowina. Warum aber erwies sich das in Jahrhunderten gewachsene einzigartige Miteinander von Muslimen, Serben und Kroaten, aber auch Juden und anderen Minderheiten als so wenig stabil? Der wichtigste Grund daf\u00fcr war wohl die Tatsache, dass dieses Mitein\u00adander meist an der Haust\u00fcre endete: Das \u201eHeiligtum\u201d des famili\u00e4ren Lebens war tabu; hier aber war die Geschichte der eigenen Volksgruppe oft vielleicht schlummernde, aber doch allzeit lebendige Gegenwart \u2014 die Geschichte mit ihren zum Mythos gewordenen Erinnerungen und unerf\u00fcllten Tr\u00e4umen, auch mit allem schlechten Gewissens Verdr\u00e4ngten und besonders mit all den im Laufe der Jahrhunderte bis in die unmittelbare Gegenwart hinein erfahrenen Verletzungen. Diese jeweils eigene Geschichte \u2014 wie jede Volksgruppe sie sah \u2014 war kein gemeinsames Thema. So bedurfte es im Fr\u00fchjahr 1992 nur einer ge\u00adzielten Initialz\u00fcndung, und schon zerbrachen alte Nachbarschaften und Freund\u00adschaften, selbst Ehen zwischen Mitgliedern verschiedener Volksgruppen. In-folge des Krieges zerbrochene \u201eMischehen\u201d m\u00f6gen Ausnahmen gewesen sein; daf\u00fcr aber waren Familien mit Angeh\u00f6rigen verschiedener Volksgruppen in besonderer Weise Leidtragende des Krieges, da sie nicht nur die emotionalen Spannungen zu bew\u00e4ltigen hatten, in denen sie standen, sondern dazu noch als Verr\u00e4ter ihrer jeweiligen Volksgruppen galten und bedroht wurden. Verst\u00e4nd\u00adlicher Weise waren gerade sie prozentual \u00fcberwiegend unter den Fl\u00fcchtlingen zu finden.<\/p>\n<p>So sehr es also zur \u201egewachsenen und gepflegten kulturellen Vielfalt und To\u00adleranz\u201d geh\u00f6rte, etwa die gro\u00dfen religi\u00f6sen Feste in ihrer gesellschaftlichen Au\u00dfenseite als Freunde und Nachbarn miteinander zu feiern, und es auch ge\u00admeinsame heilige St\u00e4tten gab, in Sarajevo beispielsweise die katholische Anto\u00adnius-Kirche der Franziskaner, die alte orthodoxe Michaels-Kirche und die muslimische Sieben-Br\u00fcder-Grabst\u00e4tte und wohl auch die alte Synagoge \u2014, im Grunde wusste man doch kaum etwas \u00fcber das Innenleben der jeweils anderen Volksgruppen, das vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass jede der Volks\u00adgruppen zugleich eine Religionsgemeinschaft ist, dass also die Kroaten mit der dortigen katholischen Kirche und die Serben mit der serbischen orthodoxen Kirche identisch sind; \u201eMuslime\u201d wurde im ehemaligen Jugoslawien die offizi\u00adelle Bezeichnung jener Volksgruppe (!), die serbokroatisch spricht und in der islamischen Tradition steht.<\/p>\n<p>Ende des 19. Jahrhunderts stellte der islamische Historiker Safet Beg Basa\u00adgid die These auf, die heute weitgehend das Selbstverst\u00e4ndnis der bosnischen Muslime bestimmt: dass diese die Nachfahren der \u201eBogumilen\u201d seien, einer mittelalterlichen Bewegung, die im Gegensatz zur Gro\u00dfkirche sowohl des Westens wie des Ostens stand und sich von dieser als Ketzer verfolgt sah, deren Anh\u00e4nger \u2014 so die These \u2014 darum die osmanischen Eroberer als Befreier be\u00adgr\u00fc\u00dften und bald in Scharen bereitwillig zum Islam \u00fcbertraten, zumal ihre Christologie der des Koran mehr entsprach als dem gro\u00dfkirchlichen Dogma. Mit dieser These wird eine geistige und politische Kontinuit\u00e4t zwischen einem mittelalterlichen Christentum eigener Pr\u00e4gung und dem Islam in Bosnien, be\u00adgr\u00fcndet und zugleich der Behauptung widersprochen, die bosnischen Muslime seien \u201eT\u00fcrken\u201d und aus Gr\u00fcnden gesellschaftlicher Opportunit\u00e4t zum Islam als der Religion der Herrschenden \u00fcbergetretene Kroaten und Serben.<\/p>\n<p>Die von \u201eOSLOBODJENJE\u201d gew\u00e4hlte \u00dcberschrift f\u00fcr das schon erw\u00e4hnte Interview mit mir bekam von daher eine Zuspitzung, die ich nicht intendiert hatte. Denn man wird deutlich sagen m\u00fcssen, dass wir \u00fcber das (vor allem in Bulgarien verbreitete) Bogumilentum sehr wenig wissen. Sicher aber ist es nicht mit der \u201eBosnischen Kirche\u201d des Mittelalters identisch, die zum Einfluss\u00adbereich und zur Liturgietradition Roms geh\u00f6rte, aber nicht die lateinische, sondern die kirchenslawische Sprache benutzte \u2014 einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr den Jahrhunderte langen Dauerkonflikt zwischen dieser Bosnischen Kirche und Rom, der freilich nicht zuletzt durch den Einsatz der Franziskaner (seit 1291) schon vor der Eroberung Bosniens durch die T\u00fcrken im Jahre 1463 \u00fcberwunden war. Die Bezeichnung \u201eBogumilen\u201d hat jedenfalls erst die moderne Geschichtsschreibung auch auf Bosnien angewandt.<\/p>\n<p>Zwischen Kroaten und Serben ist kontrovers, wieweit Bosnien urspr\u00fcnglich jeweils zu ihrem Siedlungsgebiet geh\u00f6rte. Eine gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte Bosniens ist eine dringende Aufgabe des interreligi\u00f6sen\/interkul\u00adturellen Dialogs in Bosnien. Zur unaufgearbeiteten Konfliktgeschichte geh\u00f6\u00adren auch die Folgen der Unterstellung von Bosnien-Herzegowina unter \u00f6ster\u00adreichische Verwaltung durch den Berliner Kongress 1878 und dann die Grau\u00adsamkeiten der verschiedenen Partisanenorganisationen und B\u00fcrgerkriegspar\u00adteien in den 4o-er Jahren des 20. Jahrhunderts, angesichts derer jede Seite offenbar nur die Erinnerung an die eigenen Opfer \u2014 in nicht \u00fcberpr\u00fcfbarem Ausma\u00df \u2014 und die eigenen \u201eHelden\u201d wach h\u00e4lt. Jede dieser Epochen der bos\u00adnischen Geschichte kennt Vertreibungen und Auswanderungen.<\/p>\n<p>Sarajevo, die langgestreckte Hauptstadt Bosniens im engen Tal der Miljacka, ist ein Spiegelbild der bosnischen Geschichte. An der Stelle eines mittelalterli\u00adchen Marktfleckens bauten die osmanischen Eroberer jene t\u00fcrkische Stadt, de\u00adren Name von \u201eSerail\u201d abgeleitet ist und die heute noch in der Altstadt fort\u00adlebt, die \u201eStadt der hundert Moscheen\u201d und \u2014 zugleich mit ihren Kirchen und Synagogen \u2014 ein \u201eZweites Jerusalem\u201d. An die Altstadt schlie\u00dfen sich zun\u00e4chst die im \u00f6sterreichischen Stil der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erbauten Viertel an \u2014 mit vielen repr\u00e4sentativen Geb\u00e4uden \u2014 und dann die Wohnbl\u00f6cke der sozialistischen \u00c4ra, unter ihnen auch die Geb\u00e4udekomplexe der 1984 als \u201eFriedensfest\u201d gefeierten Olympischen Winterspiele. Lange war in der Alt\u00adstadt die Stelle, von der aus der serbische Student Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 den Schuss abgefeuert hat, der den \u00f6sterreichischen Thronfolger Franz-Ferdinand t\u00f6tete und den Ersten Weltkrieg ausl\u00f6ste, durch einen Fu\u00dfabdruck gekennzeichnet. Er ist entfernt worden, als zu Beginn der 9o-er Jahre gro\u00dfser\u00adbischer Nationalismus aufflammte.<\/p>\n<p><em>Neuentdeckung der Bedeutung des Religi\u00f6sen<\/em><\/p>\n<p>P. Marko Or\u0161oli\u0107 war einer der ersten, der in Sarajevo darauf aufmerksam ge\u00admacht hatte, dass die Toleranz, von der man dort sprach, nicht m\u00f6glich sei ohne Dialog, ohne einen Dialog, der die religi\u00f6sen Wurzeln der kulturellen Verschiedenheiten miteinschlie\u00dft. Als Professor f\u00fcr Religionsphilosophie und Religionssoziologie (an der Hochschule der Franziskaner in Sarajevo), der zu\u00advor auch Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie an der staatlichen Universit\u00e4t studiert hatte, sah er aber auch, dass dieser Dialog nicht auf die religi\u00f6sen Fragen im engeren Sinn beschr\u00e4nkt bleiben kann, ja dass diesen ge\u00adgen\u00fcber zun\u00e4chst Zur\u00fcckhaltung geboten ist. Denn die mit der Volksgrup\u00adpenzugeh\u00f6rigkeit gegebene Religionszugeh\u00f6rigkeit bedeutet ja keineswegs auch eine lebendige Zugeh\u00f6rigkeit zur jeweiligen Glaubensgemeinschaft. Das Jugoslawien Titos war durch 40 Jahre ein atheistischer Staat, wenn auch nicht<\/p>\n<p>in der aggressiven Weise wie die Staaten im stalinistischen Machtbereich. Doch aus dem \u00f6ffentlichen Leben waren die Religionen verbannt. Dieses war zugleich mehr als die anderen kommunistischen Staaten zum Westen hin of\u00adfen. Nicht wenige haben in Deutschland oder in anderen L\u00e4ndern des Wes\u00adtens studiert, und von dort hat es immer einen regen Touristenstrom gegeben. Von den Intellektuellen bezeichnen sich viele als Agnostiker (was eine religi\u00ad\u00f6s-ehrf\u00fcrchtige Grundhaltung nicht ausschlie\u00dft). In der Akademie der Wis\u00adsenschaften und K\u00fcnste von Bosnien und Herzegowina war Theologie bis zu unserem Symposion im Oktober 1994 jedenfalls kein Thema.<\/p>\n<p>Nun aber sahen gerade die europ\u00e4isch orientierten Intellektuellen in Sara\u00adjevo, dass Frieden nur m\u00f6glich ist, wenn als Grundlage gegenseitiger Toleranz auch das Religi\u00f6se thematisiert wird, das die Menschen gepr\u00e4gt hat \u2014 mehr oder weniger in ihrer gl\u00e4ubigen Verankerung, jedenfalls aber in ihrer kultu\u00adrellen Identit\u00e4t. Prof. Seid Huskovi\u0107, der Pr\u00e4sident der Akademie, sagte in seinem Einleitungsreferat: \u201eWir erfahren neu, wie wichtig die Rolle der Reli\u00adgionen ist. Der Mensch kann nicht leben ohne Humanismus, ohne Glauben, ohne eine Humanit\u00e4t, die sich universal auf alle Menschen bezieht. Weil es gemeinsame menschliche Werte gibt und weil im Grund alle den Frieden wollen, ist interreligi\u00f6ser Dialog nicht nur n\u00f6tig, sondern auch m\u00f6glich: die Auseinandersetzung des Guten mit dem Guten im Menschen.\u201d Hier wurde deutlich, dass von den Intellektuellen prim\u00e4r nicht ein Glaubensgespr\u00e4ch gesucht wurde, sondern ein interkultureller Dialog, bei dem es zwar um ein Verstehen der religi\u00f6sen Wurzeln geht, aber weitgehend doch in Distanz gegen\u00fcber diesen Wurzeln.<\/p>\n<p>Im Blick auf die deutsche Geschichte, vor allem die religi\u00f6s verbr\u00e4mte Machtpolitik im furchtbaren Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, zitierte ich in meinem Referat aus der Ansprache, die Richard von Weizs\u00e4cker wenige Tage vorher, am 16. Oktober 1994, anl\u00e4sslich seiner Entgegennahme des Friedenspreises der Stadt Augsburg in Augsburg gehalten hatte: \u201eDer Augsburger Religions\u00adfrieden von 1555 bescherte keinen religi\u00f6sen Frieden, aber er war ein in un\u00adserer Geschichte einmaliger Versuch einer politischen Ordnung der Koexis\u00adtenz. \u2026 Er zielte auf die Sicherheit der \u00e4u\u00dferen Existenz und die Freiheit der geistlichen Entfaltung. Er schuf religionsfreie Grundlagen des Reichsrechts. Er l\u00f6ste die Reichsverfassung von den theologisch-kirchlich umstrittenen Fragen nach Wahrheit und Einheit. An keine anderen Mittel der rechtlichen Befriedung denken wir heute, wenn es um Friedensfragen in irgend einer Re\u00adgion der Welt geht, die kulturell und religi\u00f6s unterschiedliche Bev\u00f6lkerungs\u00adteile aufweist. Auch die im Westf\u00e4lischen Frieden feierlich bekr\u00e4ftigte soge\u00adnannte Augsburger Parit\u00e4t kann uns bis auf den heutigen Tag Achtung ab\u00adverlangen. \u2026 Ihr Geist hat wesentlich dazu beigetragen, sich untereinander in sittlich begr\u00fcndeter Achtung zu begegnen. Sie hat sogar zu Begriff und Verk\u00fcndigung der Menschenrechte am Anfang des 18. Jahrhunderts beige\u00adtragen.\u201d<\/p>\n<p>Andererseits sagte ich: \u201eEine erste Einsicht, die bei der Konstruktion unse\u00adrer bayerischen Arbeitsgemeinschaft Pate gestanden hat, ist diese: Wenn der Dialog zu Konsequenzen f\u00fchren soll, darf es nicht einen isolierten Dialog nur der Dogmatiker oder nur der religi\u00f6sen Leitungsorgane geben. Um sich wirk\u00adlich gegenseitig verst\u00e4ndlich zu machen, um sich wirklich gegenseitig kennen zu lernen, braucht man Felder gemeinsamen Handelns, bei denen unsere ethi\u00adsche Verantwortung ins Spiel kommt und bei denen deutlich wird, wo jeweils unser Herz schl\u00e4gt. Es kann ja sein, dass man in einer bestimmten Sache eine \u00dcbereinstimmung erzielt, nicht aber auch darin \u00fcbereinstimmt, wie wichtig diese Sache ist, ohne dass man das \u00fcberhaupt merkt. Im Religi\u00f6sen spielt das Herz eine ganz wesentliche Rolle. Das ist ein Grund daf\u00fcr, dass das Religi\u00f6se so leicht instrumentalisierbar und manipulierbar ist. Dem kann man jedoch am wenigsten dadurch begegnen, dass man die Stimme des Herzens ignoriert.\u201d<\/p>\n<p>Wenn das Religi\u00f6se aber nur verstanden wird als die private Innenseite des Menschen, nicht aber als ein auch das \u00f6ffentliche Leben pr\u00e4gendes verant\u00adwortliches Glaubenszeugnis, ist dann ein interreligi\u00f6ser Dialog \u00fcberhaupt m\u00f6glich? Ist interreligi\u00f6se Verst\u00e4ndigung m\u00f6glich? Das war in der Tat seitens der Akademiemitglieder in der Diskussion eine der zentralen Fragen. Man verwies auf den ber\u00fchmten Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein (den letzten in seinem\u00a0<em>Tractatus Logico-Philosophicus\u00a0<\/em>von 192I): \u201eWovon man nicht sprechen kann, dar\u00fcber muss man schweigen.\u201d<\/p>\n<p>Mehr ins Philosophische gewandt, wurde gefragt, ob es eine multikulturelle Gesellschaft \u00fcberhaupt geben k\u00f6nne. Hier wurde auf Max Weber verwiesen, der zwar einerseits auf die pr\u00e4gende Bedeutung bestimmter geistiger und poli\u00adtischer Traditionen hingewiesen hat (in:\u00a0<em>\u201eDie protestantische Ethik und der Geist\u00a0<\/em><em>des Kapitalismus\u201d,\u00a0<\/em>1905), der als positivistisch ausgerichteter Soziologe aber zu\u00adgleich die These vertrat, dass der Rationalisierungsprozess im westlichen Eu\u00adropa zur irreversiblen Aufl\u00f6sung der Einheit, Verbindlichkeit und Integrati\u00adonskraft umfassender Weltdeutungen religi\u00f6ser, metaphysischer oder \u201eweltan\u00adschaulicher\u201d Art gef\u00fchrt hat. Der Pluralismus einer Gesellschaft best\u00fcnde dann lediglich darin \u2014 wurde gesagt \u2014, dass einzelne Elemente unterschiedlicher Kul\u00adturen additiv nebeneinander stehen. In der Tat: Ist, wenn von multikultureller Gesellschaft gesprochen wird, nicht immer schon vorausgesetzt, dass es als ge\u00admeinsame Basis des Zusammenlebens Regelungen gibt \u2014 Menschenrechte, Strafrecht, Kalender usw. \u2014, die als \u201e\u00fcberkulturell\u201d gelten, faktisch aber doch ei\u00adner der Kulturen entstammen und damit deren Dominanz bedeuten? Und weiter: Inwieweit setzt der interreligi\u00f6se und interkonfessionelle Dialog nicht doch eine \u201eaufgekl\u00e4rte\u201d Distanz gegen\u00fcber der eigenen Tradition voraus, auch wenn man diese mit \u00dcberzeugung vertritt? Zumindest ist wohl die F\u00e4higkeit eines historisch-kritischen Umgangs mit der eigenen Tradition n\u00f6tig, gerade jene Geisteshaltung, die, wenn sie als Verunsicherung erfahren wird, schnell in Fundamentalismus umschl\u00e4gt oder zumindest Fundamentalismus als Gegen\u00adreaktion provoziert.<\/p>\n<p>Ein christlich-islamischer Dialog wird nur m\u00f6glich sein, wenn auch der Ko\u00adran ebenso wie die Bibel historisch-kritisch gelesen wird, wenn auch die ag\u00adgressiven S\u00e4tze in beiden, die Verdammungen der \u201eGottlosen\u201d und \u201eIrrgl\u00e4ubi\u00adgen\u201d verstanden werden als situationsbedingte \u00c4u\u00dferungen der Dringlichkeit einer Botschaft, die grunds\u00e4tzlich Frieden und Heil vermitteln will \u2014 freilich nicht nur irdisches Wohlergehen.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen Bibel und Koran kam in der Diskussion in den Blick, als von muslimischer Seite gefragt wurde, wieso es im Christentum ne\u00adben dem unmittelbar das Herz des Menschen ansprechenden Wort Gottes noch der vermittelnden Instanz der Kirche bed\u00fcrfe. Hier w\u00e4ren zentrale, auch innerhalb des Christentums kontroverse Fragen der Christologie und ihrer Zuordnung zur Pneumatologie und damit des christlichen Trinit\u00e4tsglaubens zu diskutieren gewesen. Daf\u00fcr fehlten die Voraussetzungen. Hier artikulierte sich aber auch ein Suchen nach geistlicher Erfahrung. Der Frager hatte sich of\u00adfenbar intensiver mit Meister Eckhart befasst. Grenzen der Verst\u00e4ndigung zeigten sich auch in der Frage der Kindererziehung bei Ehen zwischen Chris\u00adten und Muslimen. Hier wird Toleranz zum Ernstfall der Frage, ob man in der jeweils anderen Religion eine Heilsm\u00f6glichkeit zu sehen vermag.<\/p>\n<p>Der skizzierte Verlauf der Diskussion zeigte, dass es richtig war, den Dialog kirchlicherseits eher halboffiziell zu beginnen. Kommt hinzu, dass es damals in Sarajevo nur wenige gab, die in der Lage oder bereit waren, sich \u00f6ffentlich an einem interreligi\u00f6sen Dialog zu beteiligen. Als ich im Juni 1999 in einer privaten Fernsehanstalt in Sarajevo einen einst\u00fcndigen interreligi\u00f6sen Dialog f\u00fchrte, war mein muslimischer Gespr\u00e4chspartner ein Iraner, Ali Riza Ansari, genauso wie ich also ein \u201eAusl\u00e4nder\u201d. Lediglich der j\u00fcdische Gespr\u00e4chspart\u00adner, Jakob Finci, stammte aus Sarajevo. Die Aufzeichnung dieses Gespr\u00e4ches wurde mehrmals gesendet, stie\u00df also offenbar auf Interesse. Dieses Gespr\u00e4ch hatte ich im Rahmen einer Tagung der Akademie der Wissenschaften und K\u00fcnste von Bosnien und Herzegowina am 8.\/9. Juni 1999 gehalten, bei der ich \u00fcber \u201eMitb\u00fcrgerschaft von Christen und Muslimen in der modernen Ge\u00adsellschaft\u201d sprach.<\/p>\n<h4><em>3. Friedensgebet beim Evangelischen Kirchentag 1995 in Hamburg<\/em><\/h4>\n<p>Am 15. Juni 1995 hielt Zajedno im Rahmen des 26. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Hamburg 1995 in der evangelischen Bethlehemkirche in Ham\u00adburg-Eimsb\u00fcttel ein interreligi\u00f6ses Friedensgebet f\u00fcr die Menschen in Bosni\u00aden-Herzegowina. Beteiligt waren: P. Dr. Marko Or\u0161oli\u0107, Erzpriester Slobodan Milunovi\u0107, Dubravka Gospodinovki\u0107 von der j\u00fcdischen Gemeinde in Zagreb, \u0160efko Effendi Omerba\u0161i\u0107, Dr. Hermann Probst und ich (als Vorsitzender der AcK i. B.). In meiner Begr\u00fc\u00dfung sagte ich: \u201eWir sind zusammengekommen, um gemeinsam um Frieden zu beten f\u00fcr die Menschen in Bosnien und Herzegowina: wir, Menschen verschiedener Religion \u2014 und doch, als Glaubende, als Gottesf\u00fcrchtige, als Gottergebene miteinander verbunden in der Kindschaft Abrahams, Kinder Ibrahims, in dem Gott alle Geschlechter der Erde, alle Menschen und alle V\u00f6lker gesegnet hat. Die Worte, Ereignisse und Bilder, in denen wir die Offenbarung Gottes und Sein uns zugewandtes Antlitz erkennen, sind verschieden. Und doch ist es derselbe, EINE UND EINZIGE GOTT, Den wir verehren: Er, der alle Menschen und die ganze Welt ins Dasein gerufen hat und sie erh\u00e4lt in Seiner Barmherzigkeit und Treue; Er, der uns richten wird nach Seinen Geboten und Seinen Verhei\u00dfungen; Er, unsere Hoffnung und der Fels unseres Heiles; Er, unser Friede. Gepriesen sei ER. Amen, ja Amen!<\/p>\n<p>Politische Konfliktl\u00f6sungen f\u00fchren nur zum Ziel, wenn die Herzen der Menschen auf Frieden sinnen, wenn der Hass ein Ende nimmt, das Gef\u00fchl, seit Jahrhunderten oder auch aus j\u00fcngster Zeit noch Rechnungen begleichen zu m\u00fcssen. Frieden setzt eine Friedensf\u00e4higkeit voraus, die gelernt sein will: einen grunds\u00e4tzlichen Wandel der Einstellung zueinander, eine Vers\u00f6hnung der Erinnerungen und der Gef\u00fchle. Vers\u00f6hnung der Erinnerungen und Gef\u00fchle und als Voraussetzung daf\u00fcr erst einmal die Wahrnehmung, wie sehr wir unsere pers\u00f6nlichen und nationalen Erinnerungen zum Mythos gemacht haben, zu G\u00f6tzen, die uns gefangen halten und blind machen f\u00fcr alles, was an Unrecht und Gewalt im Namen dieses Mythos geschieht \u2014, solche Umkehr der Einstellungen zueinander setzt Begegnung voraus, Dialog, ein Gespr\u00e4ch, das auch die religi\u00f6sen Wurzeln, aus denen wir leben, mit einschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Als gl\u00e4ubige Menschen haben wir im interreligi\u00f6sen Dialog nicht nur mit\u00adeinander zu tun. Ob wir der Thora treu sind oder Jesus Christus nachfolgen oder Allah ergeben sind gem\u00e4\u00df der Offenbarung, die an Mohammed erging \u2014, als Gottesf\u00fcrchtige wissen wir: Den Frieden, nach dem wir uns sehnen, kann nur Gott geben. Schalom, das ist das Wirken Seines Segens in unseren Herzen, Sein Friede in uns. Deshalb geh\u00f6ren f\u00fcr uns Dialog und Gebet zusammen, auch das gemeinsame Gebet.<\/p>\n<p>Freilich, ein\u00a0<em>interreligi\u00f6ses\u00a0<\/em>Gebet ist uns auch in der Verbundenheit der Abrahams-Kindschaft nicht m\u00f6glich, wohl aber \u2014 entsprechend einer inzwi\u00adschen eingef\u00fchrten Unterscheidung \u2014 ein\u00a0<em>multireligi\u00f6ses\u00a0<\/em>Beten, bei dem wir nicht miteinander beten, aber doch betend zusammen sind und auch aufein\u00adander h\u00f6ren und so jede und jeder sich einl\u00e4sst auf den Herzschlag der ande\u00adren in ihrem Beten gem\u00e4\u00df ihrer Tradition. Dabei werden wir erfahren, wie sehr ihr Herzschlag dem unseren gleicht: ihr Klagen und Schreien, ihre Trau\u00ader und ihre Sehnsucht, auch ihr Bekenntnis vielleicht, im eigenen Leben sich nicht gen\u00fcgend von Gottes Weisungen leiten gelassen zu haben. Wir werden erfahren, wie sie Gottes Wort h\u00f6ren, wie sie es uns als Segenswort zuspre\u00adchen. Da ist es nur nat\u00fcrlich, dass sich unsere Stimmen vereinen im Lied der Bitte um Frieden, auch im Psalm zu Seiner Ehre. M\u00f6ge unser Gebet bei Ihm<\/p>\n<p>Erh\u00f6rung finden, dass nach Seinem Willen die Menschen in Bosnien-Herze\u00adgowina und in allen L\u00e4ndern der Erde im Frieden mit Ihm und miteinander leben k\u00f6nnen.\u201d<\/p>\n<figure id=\"attachment_296\" aria-describedby=\"caption-attachment-296\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-296\" src=\"http:\/\/imic.ba\/portal\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/voss-3-300x247.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"247\" srcset=\"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/voss-3-300x247.jpg 300w, https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/voss-3.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-296\" class=\"wp-caption-text\">Friedensgebet in Hamburg; v. 1. n. r.: P. Dr. Gerhard Voss, Slobodan Milunovi\u0107, Dubravka Gospodinovi\u0107, P. Dr. Marko Or\u0161oli\u0107, Mufti \u0160efko Effendi Omerba\u0161i\u0107, Dr. Hermann Probst.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Erzpriester Slobodan Milunovi\u0107 sagte in seiner Predigt: \u201cMein Vorg\u00e4nger in der M\u00fcnchener Kirchengemeinde, Vater Aleksa, erz\u00e4hlte mir einmal von einer Begegnung mit einem Priester, der w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges eine Uniform trug und bewaffnet war. Auf meine Frage, warum er das tue, erwider\u00adte er, dass es sehr gef\u00e4hrlich sei, im Krieg ohne Waffen zu sein, auch f\u00fcr einen Priester. ,Du kennst das Heilige Evangelium und die Gebote Gottes, du hast deine Hoffnung falsch gesetzt. Meine st\u00e4rksten Waffen sind dieses Heilige Kreuz und dieses Heilige Buch \u2014 das Wort Gottes und Seine Gebote&#8217;, sagte ich zu ihm.\u201d \u2026<\/p>\n<p>Der Apostel Paulus spricht von dem Geist, der ,im Luftbereich herrscht\u2019 und die Menschen gefangen h\u00e4lt (Eph 2,2). Dazu geh\u00f6rt heute unser ganzes System der Information, der manipulierten Nachrichten, die niemand durch\u00adschaut. Wenn es aber so ist, dass dieser Geist und nicht der Heilige Geist die Herzen der Menschen beherrscht, wenn es tats\u00e4chlich so sein sollte, dass die Kirche nicht eindeutig ihre Stimme erhebt gegen alle die Gewalttaten, die in nationalistischer Verblendung heute an der Tagesordnung sind, dann muss uns das mit tiefer Trauer und mit Scham erf\u00fcllen. \u2026<\/p>\n<p>Der Ruf nach Vers\u00f6hnung kann heute auch gef\u00e4hrlich sein. Lieben, den Gegnern auch verzeihen k\u00f6nnen, geh\u00f6rt nicht zum Selbstverst\u00e4ndnis unserer Zeit, sondern zu den seltenen Wundern. Christus hat w\u00e4hrend Seines Lebens auf der Erde, auch als Er misshandelt wurde, stets verziehen und niemandem gedroht. \u2026<\/p>\n<figure id=\"attachment_297\" aria-describedby=\"caption-attachment-297\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-297 size-full\" src=\"http:\/\/imic.ba\/portal\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/voss-4.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"148\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-297\" class=\"wp-caption-text\">Eine Gruppe der ACK i. B. bei einer Studienreise nach Rum\u00e4nien im Sommer 1995 beim rum\u00e4nischen orthodoxen Bischof von Alba Julia. Von den Abgebildeten seien die Vorstandsmitglieder genannt: rechts neben dem Bischof Irene Kramer (alt-kath.), links neben ihm P. Dr. Gerhard Voss (r\u00f6m.-kath.) und Erzpriester Dr. Mircea Basarab (rum.-orth.).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Gebot der Liebe, ja sogar der Feindesliebe (Mt 5,44), und des Friedens ist das Charakteristikum des<\/p>\n<p><span style=\"text-transform: inherit;\">Christentums. Es meint alle ohne Ausnahme, unabh\u00e4ngig von Hautfarbe, Geschlecht, Volkszugeh\u00f6rigkeit und Religion. Auch der Islam findet Anerkennung f\u00fcr die Christen, wenn es im Koran (5,82) hei\u00dft: ,Du wirst sicher finden, dass diejenigen, die den Gl\u00e4ubigen in der Liebe am n\u00e4chsten stehen, die sind, welche sagen: wir sind Christen.\u2019<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>GERHARD VOSS<\/strong><\/em>\u00a0 |\u00a0<strong>Aus dem Buch \u201cLebendige \u00d6kumene in Bayern\u201d 2007.<\/strong><\/p>\n<p>Prijevod na BHS\u00a0<a href=\"https:\/\/imic.ba\/portal\/?p=304\"><strong>OVDJE<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u201aJugoslawien\u201d Titos war der Versuch, verschiedene slawische V\u00f6lker un\u00adterschiedlicher Kultur und Religion auf dem Balkan in einem atheistisch-sozi\u00adalistischen Einheitsstaat zusammenzufassen. Dieser Staat brach 1991 wieder auseinander. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":290,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[44],"class_list":["post-289","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-iz-medija","tag-gerhard-voss"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/289","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=289"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/289\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/media\/290"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=289"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=289"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/imic.ba\/portal\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=289"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}